Jagdliches Brauchtum

Das jagdliche Brauchtum beschreibt Verhaltensweisen und Gepflogenheiten, die Jäger vor, während und nach der Jagd ausüben.

Dazu gehört die Jägersprache mit ihren Fachbegriffen ebenso wie die Jagdhornsignale und die Jägerlieder, die Bruchzeichen und das waidmännische Verhalten, die Waidgerechtigkeit und die Jagdethik.

In den letzten Jahren haben sich viele Dinge geändert – die Telekommunikation hat die Brüche abgelöst, unverwüstliche Kunststoffschäfte verdrängen das schöne, aber empfindliche Schaftholz. Untersuchungen haben gezeigt, dass Tarnkleidung (Camouflage) im Vergleich zu Loden dem Wild weniger auffällt. Der technische Fortschritt macht auch vor der Jagd nicht Halt, aber nicht umsonst heisst es:

„Tradition ist nicht das Bewahren der Asche,
sondern die Weitergabe des Feuers“.
Die Entwicklung des jagdlichen Brauchtums

Das jagdliche Brauchtum ist so alt wie die Jagd und damit die Menscheit selbst. Viele Bräuche haben heute nicht mehr die Bedeutung wie in früherer Zeit. Die kulturelle Entwicklung hat in jeder geschichtlichen Periode, die wir durchlaufen haben, natürlich andere Schwerpunkte gesetzt. In der Frühzeit der Menschheit wurden andere Erfordernisse an das Überleben gestellt als in der Zeit, als Kelten, später Germanen und dann die Römer unser Zusammenleben geprägt haben. Im Mittelalter waren Handwerker in Zünften organisiert, die sich in eigenen Zunftsprachen – der Sprache der Eingeweihten – unterhielten. Unsere Jägersprache hat sicher hier ihren Ursprung gefunden. Die Feudalzeit, mit ihren Prunkjagden, stand unter französischen Einfluss, wovon unsere Jagdkultur nicht unberührt geblieben ist. Die Revolution von 1848 hat der Jagd in Deutschland einen Rückschlag beschert, von dem sie sich erst spät wieder erholen konnte. In der Folgezeit wurde die Jagdausübung auf neue gesetzliche Grundlagen gestellt, die im wesentlichen bis heute bestehen.

Jagd in Deutschland ist untrennbar mit der kulturellen Entwicklung unseres Landes verbunden und stellt ein hohes Gut dar, das es zu schützen gilt. Jagd darf nicht auf das alleinige Töten reduziert werden oder zur reinen Schädlingsbekämpfung verkommen. Jagdkultur ist ein Element der europäischen Kultur.

Das ist des Jägers Ehrenschild,
dass er beschützt und hegt sein Wild,
weidmännisch jagt wie sich´s gehört,
den Schöpfer im Geschöpfe ehrt.

Ausschnitt aus dem Gedicht „Waidmannsheil“ von Oskar von Riesenthal

Die Jägersprache

Die Jäger- oder Waidmannssprache hat ihren Ursprung bereits im 7.Jahrhundert. Sie setzt sich aus Fachbegriffen zusammen und gilt spätestens seit dem Mittelalter als eigene Zunftsprache. Wobei das nichts ungewöhnliches ist, zahlreiche traditionelle Handwerke haben über die Jahrhunderte eine eigene Sprachen etabliert. Ab dem 12. Jahrhundert entwickelte sie sich zur Zunftsprache der Berufsjäger und beschränkte sich zunächst vor allem auf die Themen Rothirsch und Hirschjagd, Jagdhunde, Beizjagd und Vogelfang. Im 17./18. Jahrhundert erlebte die Jägersprache ihre Blütezeit und wurde durch Einbeziehung von Begriffen für Niederwild und Niederjagd erweitert. Heute ist die Waidmannsprache die umfangreichste deutsche Sondersprache. Bemerkenswert ist, wie viele der insgesamt 6.000 Redewendungen und Fachwörter ihren Weg in die Alltagssprache gefunden haben. Auslöser war vermutlich die präzise, weil sehr bildhafte, Sprache.

In unserer Alltagssprache finden sich heutzutage Redewendungen aus der Jagd, die jeder kennt. Etwa „Zu wissen wie der Hase läuft“: Jemand kennt sich aus. Der Jäger wiederum weiß, dass der Hase, wenn er aus seiner Sasse aufgescheucht wird, in einem großen Bogen zu dieser zurückkehrt. Oder „Jetzt bin ich am Drücker!“: Der Jäger hat also den Finger am Abzug seiner Waffe und ist schussbereit. In der Alltagssprache ist eine Person gut vorbereitet und hat die volle Entscheidungsgewalt. „Du bist mir aber schön auf den Leim gegangen!“, könnte jemandem zu seinem Freund sagen, den er zuvor veräppelt hat. Ihren Ursprung hat diese Redewendung in einer altertümlichen Jagdart, für die Jäger Rastplätze von Vögeln mit Leim beschmiert haben.

Die Jagdsignale

Eine bedeutende Rolle spielt auf der Jagd das Horn. Es war bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts Zeichen des gerechten Jägers. Die Jagdmannschaften trugen ein Horn aus Ochsen- oder Büffelhorn, während die Edlen ein Signalhorn aus Elfenbein an der rechten Seite zu tragen pflegten. Im Altfranzösischen wird dieses Elfenbeinhorn Olifant genannt. Bekannt ist der Olifant geworden durch das Rolandslied. Über „dreißig große Meilen“ soll Kaiser Karl den Hornstoß seines getreuen Roland vernommen haben.

Jagdsignale sind im jagdlichen Brauchtum und der Jagdpraxis Tonfolgen, die auf dem Jagdhorn geblasen werden und die Aufgabe haben, eine Information zu vermitteln. Sie sind somit keine „Musikstücke“ und dienen nicht der Erbauung oder verfolgen einen künstlerischen Anspruch. Jagdsignale bestehen aus fünf ganzen Tönen und es gehört weder große Kunst noch hohe Musikalität dazu, um das Blasen des Jagdhorns zu erlernen. Allerdings etwas Energie und Ausdauer sind erforderlich. Grundsätzlich gibt es zwei Typen von Jagdhörnern, das Fürst–Pless-Horn und das Parforce-Horn. Beide Hörner unterscheiden sich nur darin, dass das Parforce-Horn um eine Oktave tiefer liegt. Das eigentliche Horn der jagdlichen Praxis ist das Fürst-Pless-Horn.

Früher war das Jagdhorn das einzige Mittel zur unmittelbaren Verständigung über lange Distanzen während der Jagd. Die Signale sind noch heute Ausbildungs- und Prüfungsbestandteil und werden weiterhin eingesetzt. Heute liegt der Schwerpunkt bei der Verwendung der Jagdsignale in der Pflege und Förderung des jagdlichen Brauchtums.

Von besonderer praktischer Bedeutung als Steuerungs- und Sicherheitselement bei Gesellschaftsjagden ist die Untergruppe der Jagdleitsignale. Die Jagdsignale dienen hier hauptsächlich der Abstimmung der Jäger untereinander und der Jäger mit den Treibern. Die Verständigung über Jagdhornsignale ist auch in Zeiten moderner Fernmeldetechnik mit Mobilfunktelefonen diesen überlegen, wichtige Anordnungen werden unmittelbar von allen Teilnehmern vernommen. Insofern ist der Einsatz der Signale, die mit dem Fürst-Pless-Horn geblasen werden, weiterhin von hohem praktischen Wert. Die Signale umfassen dabei die Begrüßung zu Beginn, Warnsignale und Hilferufe bei Gefahren und Unfällen sowie die Anweisungen, wie sich die Treiber und Jäger zu verhalten haben. Man spricht hier von so genannten Jagdleitsignalen.

Die Totsignale werden nach der Jagd beim Totverblasen an der Jagdstrecke mit dem Jagdhorn gespielt und gelten dem Wild als letzte Ehrerweisung der Jäger. Totsignale werden dabei nach Hoch- und Niederwild geordnet. Beim Totverblasen werden Fürst-Pless-Hörner auch zusammen mit in B gestimmten Parforcehörnern geblasen.

Die gebräuchlichsten Jagdsignale zum Anhören finden Sie hier.

Die Bruchzeichen

Die Bruchzeichen sind bis auf geringe Reste aus dem Bewusstsein der Jäger verschwunden. Gerade die Kenntnis dieses alten Brauchtums hat aber einen besonderen Reiz. Mit diesen Zeichen verständigten sich erfahrene Jäger unauffällig miteinander, ohne dass Unberufene es merkten. Die Bruchzeichen sind aber auch Symbol der gerechten Jägerei. Der Brauch, das gestreckte Wild, dem Hund und sich selbst mit Brüchen zu schmücken, ist uralt. In den ältesten Verordnungen über die Jagd, in denen die Wildfolge behandelt wird, ist das Markieren der Stelle, an der das kranke Stück auf fremdes Gebiet wechselt, durch Bruchzeichen vorgeschrieben.

Brüche werden gebrochen (wie der Name sagt), wir unterscheiden fünf „Gerechte Holzarten“:

  • Eiche
  • Kiefer mit Latsche und Zirbelkiefer
  • Fichte
  • Weißtanne
  • Erle

Die häufigsten Bruchzeichen finden Sie hier.

Das Jägerrecht

Ein uralter Brauch war das Jägerrecht. Man unterschied das große und das kleine Jägerrecht, letzteres ist auch heute noch fast überall üblich, das erstere wohl nirgends mehr. Die Jäger erhielten ursprünglich ihren Lohn in Naturalien. Diese bestanden in erster Linie in Teilen des erlegten Wildes. Im allgemeinen gehörten zum großen Jägerrecht das Haupt, der Hals mit dem Vorschlag bis zur dritten Rippe, die Haut, das Geräusch, also Lunge, Herz, Leber, Nieren, Lungenbraten (Filet) und das Feist. Außer diesem Jägerrecht erhielten die Jäger je nach den Umständen und Verhältnissen pro Jahr mehrere Stücke Wild als Deputat, so bekamen in Tirol die Hilfsjäger jährlich zwei Gamsböcke, die sogenannten „Hosengams“, weil sie sich aus der Decke die kurzledernen Hosen machen ließen. Später wurden das große Jägerrecht und die übrigen Deputate durch Geld abgelöst, meistens in Form von Schußgeldern. Zum kleinen Jägerrecht gehören das Geräusch samt dem Feist, sowie Kopfschmuck und Grandeln, Gewaff usw. soweit der Erleger des Wildes die „rote Arbeit“ selber durchführt. Bricht ein anderer Jäger oder Jagdgehilfe das erlegte Stück auf, so steht diesem das Geräusch zu.

Strecke legen

Man spricht vom „Strecke legen“, wenn diese, am Ende einer Jagd, auf einer, meist mit Tannen- oder Fichtengrün ausgelegten Fläche, präsentiert werden. Dabei geht es nicht darum, die Beute zur Schau zu stellen, vielmehr hat dieser Brauch seinen Ursprung in einer Ehrenbezeugung gegenüber dem Wild und dem Dank für den Jagderfolg.

Nach dem Aufbrechen wird das Wild zur Strecke gelegt. Schalenwild wird auf die rechte Seite gelegt, also Herzseite nach oben, beim männlichen Stück wird das Haupt durch einen Ast aufrechtgestellt, um so den Kopfschmuck besser zu zeigen. Danach wird das Stück mit dem Inbesitznahmebruch gerecht verbrochen. Dem Schalenwild wird ein letzter Bissen gegeben und es wird mit einem Bruch versehen.

Nachdem das Wild auf der Strecke liegt, wird in der Regel das Wild verblasen, und die Erleger erhalten den Erlegerbruch.

Die anwesenden Schützen schauen dem Wild in die Lichter, sie stehen also direkt vor der Strecke. Der Jagdleiter steht in der Regel vor den Schützen am Kopf der Strecke. Hinter dem Wild stehen die Bläser und die Treiber. Auch die Hundeführer haben einen Platz am linken Flügel neben den Treibern.

Heutzutage kann es aus hygienetechnischen Gründen vorkommen, dass nicht alles Wild auf der Strecke gelegt wird, sondern nur symbolisch von jeder Art ein Stück.

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