Nicht immer kommt ein jagender Hund dem Reh so nahe - aber was passiert, wenn doch? Dass auch eine Hatz ohne körperlichen Kontakt für das Reh tödliche Folgen haben kann, lesen Sie rechts...

Unschönes Ende eines Rehes....

Vermutlich haben zwei oder mehr Hunde den jungen Bock gehetzt, ihn im Bereich des Fundortes von hinten erfasst, zu Boden gerissen und ihm bei lebendigem Leib dieses Loch da heraus gefressen. Das zeigt die Schweißspur.

Dieses Reh war mit zwei Kitzen trächtig - die Hatz eines Hundes forderte so auf einen Schlag drei Leben.

 

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»Mein Hund bekommt so ein Reh doch gar nicht!«

Nein, da haben Sie Recht, in den meisten Fällen bekommt ihr Hund das Reh nicht. Denn wenn es um Geschwindigkeit auf dem Feld oder im Wald geht, sind Rehe in der Regel trittsicherer und deshalb schneller. Doch auch wenn der Hund das Reh nicht kriegt, kann er es dennoch umbringen - und im schlechtesten Fall sogar selber dabei sterben. Wir erklären Ihnen warum ...

JAGEN BIS SIE „HIGH“ SIND: DER GROSSE SPASS AN DER HATZ

Vielleicht haben Sie schon mal gesehen, dass Ihr Hund nach einer Hatz zwar total erschöpft, aber irrsinnig glücklich ist. Er atmet schwer, die Zunge hängt und irgendwie schaut der Kerl aus, als würde er grinsen. Und das tut er auch! Der hat nämlich gerade einen tierischen Rausch hinter sich.

Hetzen, und jetzt kommt hier mal ein Fachausdruck aus der Biologie, ist eine „selbstbelohnende Tätigkeit“. Im Grunde kommt es ihrem Liebling gar nicht darauf an, das Wild zu kriegen, schon hinterher zu laufen macht Spaß! Während der Hatz schüttet der Körper Dopamin, Adrenalin und Cortisol aus. Der Hund gerät in einen Rausch, bekommt einen Tunnelblick, sieht und hört nichts mehr und will nur noch eines: weiter hetzen.

Und jetzt stellen Sie sich vor, das Reh rennt in seiner Panik über eine Straße. Glauben Sie, dass Ihr Hund stoppt? Garantiert nicht, der steht nämlich gerade unter körpereigenen Drogen und sieht weder die Straße, noch hört er das Hupen der Autos!

Und was passiert jetzt? Im günstigsten Fall quietschen Bremsen, Reh und Hund erreichen die andere Straßenseite, der Autofahrer hat wackelige Knie, steigt aus und motzt sie an. Unterm Strich aber kommen Sie mit einem Riesenschrecken davon. Und irgendwo werden Sie bestimmt auch Ihren Hund wieder finden.

Sobald aber der Hund oder das Reh vors Auto läuft, Sach- oder Personenschaden entsteht, stehen Sie blöd da. Juristisch liest sich das dann nämlich so: »Den Hundehalter trifft eine Gefährdungshaftung. Hierbei darf nicht vergessen werden, dass der Hundehalter nicht nur dann haftet, wenn der Hund direkt einen Schaden herbeigeführt hat (Hund hat jemanden gebissen), sondern auch, wenn der Hund den Schaden nur mittelbar ausgelöst hat (Hund läuft auf die Straße, Auto weicht aus und verursacht Verkehrsunfall).« Und das heißt im Klartext nichts anderes, als dass Ihre Versicherung sich zumindest überlegen wird, für den Schaden nicht aufkommen zu müssen. Doch selbst wenn sie zahlt, macht es die Sache nicht besser: Reh, Hund, oder beide sind tot, das Auto ist kaputt, der Fahrer eventuell verletzt, die Familie trauert.

Situation 1: Das Reh entkommt
Das ist der Normalfall. In der Regel - zumindest hoffen wir das alle - passiert gar nichts. Es gibt aber auch zwei Möglichkeiten, bei denen es selbst da „ins Auge“ gehen kann:

Möglichkeit A: Reh gehetzt, nicht bekommen aber „voll den Dachschaden“!
Rehe gehören zu den so genannten „Schlüpfern“. Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie schnell, fließend und elegant Rehe unter Zäunen hindurch kriechen, oder in einem Gebüsch verschwinden können. Außerdem können sie erstaunlich hoch springen. Ihr Hund ist da weniger geschickt – und wenn der Pech hat, kriegt der in seinem Rausch gar nicht mit, dass das Reh gerade mit einem großen Satz über einen dieser nur sehr schlecht sichtbaren 1,60 Meter hohen Knotengeflecht-Zäune rüber ist. Ihr Hund knallt da voll rein, und bringt er genug Speed und Aufprallgewicht mit, führt der nächste Gang zum Tierarzt.

Möglichkeit B: Gehetzt, das Reh nicht bekommen, es aber (leider) trotzdem umgebracht
Entschuldigen Sie den etwas gewagten Vergleich, aber Rehe sind so etwas wie eine „Schummelpackung“. Auf die Entfernung nämlich sieht so ein Reh relativ stabil und groß aus. Tatsächlich aber ist ein Reh sehr zierlich und wiegt weniger als 20 Kilo (die meisten Hunde wiegen mehr). Der Kreislauf der Tiere ist empfindlich und kollabiert leicht. Eine kurze Hatz übersteht es in der Regel, sobald es länger gehetzt wird aber versagt das Herz. Das Tier stirbt, und ist es eine führende Ricke (und Sie können davon ausgehen, dass jede Ricke im Frühjahr ein bis zwei Kitze zur Welt bringt), sind die Kitze sich selbst überlassen und sterben kurze Zeit später. Waisenkinder finden in der Tierwelt nämlich selten eine Amme.

Möglichkeit C: Der Hund packt das Reh
Die für den Hundebesitzer mit Abstand schrecklichste Situation – vor allem, wenn es unmittelbar vor ihm passiert. Wie es dazu kommen kann? Nun, das kann leider sehr schnell gehen: Eine der Methoden, die die Natur ersonnen hat um wehrlose Jungtiere vor Fressfeinden zu beschützen nämlich ist „Unsichtbarkeit“. Die im Frühjahr gesetzten Kitze haben keine Witterung und werden von ihrer Mutter im Wald oder im Feld oft stundenlang allein gelassen (bevor der Bauer mäht, suchen wir deshalb das Feld ab, wobei wir die Kitze gar nicht finden müssen: die Ricken beobachten uns, werden beunruhigt und bringen die Kitze später selbst weg). Droht Gefahr ducken sie sich und bewegen sich nicht vom Fleck, in der Hoffnung, vom Fuchs, Dachs, Wildschwein oder Mähdrescher nicht entdeckt zu werden. Das läuft übrigens auch bei Hasen und einigen Vogelarten so. Es kann also gut sein, dass ein fernab des Weges durch den Wald stampfendes Mensch-Hund-Gespann im wörtlichen Sinn über ein Kitz stolpert. Ihr Hund mag sonst ein lieber Kerl sein, in so einer Situation aber schlägt unweigerlich die Genetik durch, und wir prophezeien Ihnen an dieser Stelle eines: wenn Sie jemals das Schreien und Klagen eines Kitzes im Todeskampf hören sollten, werden Sie es nie vergessen!

Doch zurück zum erwachsenen Reh: Hunde sind keine Wölfe, haben kaum Jagdstrategien und können meist auch nicht „sauber“ töten. Wenn sie ein Reh packen, beißen sie blindwütig in alle Weichteile. Meist steht das Reh wieder auf, der Hund reißt es wieder nieder, beisst erneut zu. Hat das Reh Glück, verfällt es in einen Schock und stirbt schnell, andernfalls leidet es schrecklich. Und ist die Ricke trächtig, dann sterben mit ihr auch die Kitze! Wir entschuldigen uns an dieser Stelle für die grauenhaften Bilder getöteter Rehe, mitunter aber verdeutlichen solche Fotos, worum es geht.

Daher: Vermeiden Sie solche Situationen.
Gehen Sie nicht mit dem Walkman auf dem Kopf spazieren, telefonieren lange und vergessen dabei, Ihren Hund zu beobachten. Wenn Sie ihn nicht angeleint haben, behalten Sie ihn immer im Auge. Denn kein Hund jagt ohne Vorwarnung los! Bevor er Wild hetzen kann, muss er es nämlich finden. Wenn Sie also sehen, dass Ihr Hund „jemanden im Auge hat“, rufen Sie ihn zu sich und leinen Sie ihn an. Dann nämlich haben Sie noch die Chance dazu, später nicht mehr!

Achtung, im Winter stirbt das Reh!

Besonders schwierig ist die Situation im Winter: Winter ist für alle Tiere eine schwere Jahreszeit. Mit der Kälte kommen sie in der Regel gut zurecht, und auch Rehe frieren nicht. Ihre Unterwolle ist dicht, und das Deckhaar lang und sehr viel dunkler als im Sommer. Dadurch kann es wärmenden Sonnenstrahlen besser aufnehmen. Außerdem ist das Deckhaar hohl und isoliert deshalb sehr gut.

Ein Problem aber ist die Nahrung: In der Natur dreht sich alles um Energie. Viel Futter bedeutet auch viel Energie, wenig Futter ist gleich wenig Energie. Die Natur hat sich deshalb einen Trick einfallen lassen, um auch diese nahrungsarmen Monate zu überstehen. Die Tiere schalten ihren Kreislauf um ein paar Gänge runter. Der Herzschlag verlangsamt sich, die Körpertemperatur fällt um mehrere Grade. Im günstigsten Fall verbrauchen die Rehe nur noch 40 Prozent der Energie, die sie zu anderen Jahreszeiten verbrennen. Die Tiere bewegen sich weniger, wenn es geht, liegen sie die meisten Stunden des Tages. Als Spaziergänger haben wir dann oft den Eindruck, sie seien zutraulicher. Sind sie aber nicht, die halten unsere Nähe nur aus, weil alles andere nur Energie verbrauchen würde.

Und wenn jetzt ein Hund kommt - nun, oft hat das Reh in dem Zustand gar keine Chance den Kreislauf wieder auf „Flucht-Temperatur“ hochzufahren. Und selbst wenn es das schafft und entkommt, kann es die zusätzlich verbrauchte Energie nicht mehr ausgleichen (wo soll es im Schnee etwas finden?). Das Ergebnis: Während Sie glauben, die Sache sei noch mal gut ausgegangen und sich auch wieder mit dem „entkommenden Straftäter“ ausgesöhnt haben, stirbt draußen im Schnee ein Reh an Überanstrengung oder verhungert ein paar Tage später.