Der Anruf von Franzi erreichte mich um 12.30 Uhr: „Sucht dein Hund auch Kälber?“…. 
Da es sich bei der Anruferin nicht um eine Jägerin, sondern eine gut befreundete Landwirtin handelte, war klar, dass es sich nicht um Rot- oder Damwild – das in unserer Ecke sowieso nicht vorkommt – drehen konnte, sondern tatsächlich ein Nutztier gemeint war.

Gute Frage, auf die ich so spontan keine Antwort parat hatte. Aber warum eigentlich nicht, solange etwas am Anschuss (oder wie man das nennen mag) lag?

 Zur Vorgeschichte: Die Rinderherde, die ganzjährig auf der Weide steht, wurde am Abend zur Trennung der älteren männlichen Kälber von den Muttertieren in den Stall getrieben. Am Morgen wurde festgestellt, dass es zwei Mutterkühe mit Anzeichen einer erfolgten Geburt, aber nur ein neugeborenes Kalb gab. Eine Umschau auf der Weide hatte kein Ergebnis gebracht und so setzte mich ins Auto und fuhr zum Hof. Nach kurzer Inaugenscheinnahme der Probanden nahm Franzi – da ich ja etwas Handfestes am „Anschuss“ haben sollte – etwas Material von der Nachgeburt der einen Mutterkuh. Die andere schied als Probengeber aus, da sie das vorhandene Kalb säugte.

An der Weide präparierte ich den „Anschuss“ mit der Nachgeburt und spulte die übliche Prozedur ab. Leo bewunderte das Material interessiert und setze sich dann in Bewegung. Mir schwante nix gutes, war doch die ziemlich große Koppel – über 50 Rinder stehen da das ganze Jahr drauf – übersät mit allerlei Hinterlassenschaften und „Fährten“. Da die richtige Kuh herauszufiltern, erschien mir kaum möglich. Dennoch zog Leo im Suchenmodus los und fand auch zielstrebig ein Loch im Zaun am gegenüberliegenden Waldrand. Nach kurzem Ausflug über den Bach kehrte er jedoch wieder zurück und suchte mehr oder eher weniger intensiv nach für mich nicht definierbaren Spuren. Wir beschlossen, den Waldrand nochmals auf der ganze Länge abzusuchen, aber Leo zeigte kein gesteigertes Interesse. Ich setzte ihn dennoch nochmals am Ausgangspunkt an, aber er hatte förmlich Fragezeichen in den Augen…. „Alter, was soll ich hier?…“

So fuhren wir zurück zum Stall. Die Kuh zeigte immer noch Symptome. „Vielleicht ist das Kalb ja noch drin?“ Meine Frage an die diplomierte Agraringenieurin brachte mir einen scheelen Seitenblick unter einer sehr weit hochgezogenen Augenbraue ein. Alle Anzeichen sprächen für eine erst kürzlich erfolgte Geburt, die Nachgeburt hing noch teilweise an der Kuh. „Wenn du noch Zeit hast, schauen wir mal nach. Dazu müssen wir die Kuh aber separieren und anbinden …“. 
Gesagt, getan, allerdings es dann doch etwas gedauert, bis der behandschuhte Arm von Franzi in der Kuh verschwand. „Da ist tatsächlich ein Kalb drin, Steisslage, keine Beine zu fühlen.“ Trotz aller Anstrengungen gelang es Franzi nicht, das Kalb zu drehen beziehungsweise dessen Hinterseite wegzudrücken, um die Läufe packen zu können – die Tierärztin musste schnellstens her. Nach endlosen 30 Minuten traf diese dann endlich ein. Zwei Spritzen, zwei Frauen, drei Männer, heisses Wasser, Stricke, viel Geschiebe, Gedrücke, Gezerre – „die darf sich auf keinen Fall hinlegen!!!“ – leicht gesagt bei 500 kg Lebendgewicht. Nach bangen Minuten gelang es der Tierärztin dann doch, die Läufe zu packen und je einen Strick herumzulegen, und das im Blindflug, mit beiden Armen bis zu Anschlag in der Kuh, Respekt.

Nach längerem Ziehen und Zerren kam dann schliesslich das Kalb zum Vorschein! Die Kuh ging vor Anstrengung und Erschöpfung in die Knie, noch einmal brach Hektik aus, bis das Kalb zum Atmen gebracht war und die Kuh sich wieder erholt hatte.

Als Nachsuchenführer erlebt man ja oft größere und kleinere Tragödien, der „gute“ Abschluss einer Nachsuche findet entweder ein verendetes Stück vor oder endet mit dem Fangschuss oder Abfangen der leidenden Kreatur. 

Für mich war das ein total verrückter Tag – losgefahren bin ich zu einer „etwas anderen“ Nachsuche mit der Erwartung, irgendwo – wenn – überhaupt – ein totes Kalb zu finden, und heimgekommen bin ich mit dem glücklichen Gefühl, bei einer schwierigen Geburt aktiv mitgeholfen zu haben und die ersten Augenblicke eines neugeborenen Kalbes miterlebt zu haben. 

Wäre ich nicht ein so abgebrühter und hartgesottener Bursche, mir wären sicherlich ein paar heimliche Tränchen aus den Augen gekullert, als Franzi mir anschliessend sagte, dass der kleine Bulle auf den Namen Fex getauft wäre…

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